7. Oktober 2026
Spontinis „La Vestale“ in Berlin: Sonya Yoncheva als Julia zwischen Liebe und Gesetz
Gaspare Spontinis „La Vestale“ kehrt an die Staatsoper Unter den Linden zurück – mit Sonya Yoncheva in einer für sie neuen Partie. Als Julia steht die Sopranistin zwischen ihrem Gelübde als Vestalin und ihrer Liebe zu Licinius. Lydia Steier richtet den Blick in ihrer Inszenierung auf die Mechanismen eines autoritären Systems.

Mainz/Berlin - Eine Frau, ein Gelübde und eine Liebe, die gegen ein religiöses Gesetz verstößt: Mit Gaspare Spontinis La Vestale eröffnet die Staatsoper Unter den Linden ihre Opernpremieren der Spielzeit 2026/27. In der Titelpartie der Julia gibt Sonya Yoncheva ihr Rollendebüt. Die Premiere fand am 26. September statt, weitere Vorstellungen folgen am 30. September sowie am 6. und 9. Oktober.
Julia ist Vestalin und damit zur Bewahrung des heiligen Feuers der Göttin Vesta verpflichtet. Als ihr Geliebter Licinius nach Rom zurückkehrt, lässt sie ihn heimlich zu sich gelangen. Damit gerät ihre persönliche Entscheidung unmittelbar mit der religiösen Ordnung der Gemeinschaft in Konflikt. Spontini macht daraus nicht nur ein Liebesdrama, sondern ein Stück über eine Gesellschaft, deren Gesetze über Schuld, Gehorsam und Leben bestimmen.
Für Yoncheva erweitert die Julia ihr Repertoire um eine Partie, die große vokale Kraft mit einem zunehmend zugespitzten dramatischen Verlauf verbindet. David Butt Philip singt Licinius, Marina Prudenskaya die Grande Vestale und Siyabonga Maqungo Cinna.
Spontini schrieb La Vestale für Paris, wo die Oper 1807 uraufgeführt wurde und zu seinen größten Erfolgen zählte. Mit ihren monumentalen Chorszenen, der ausgeprägten Orchesterbehandlung und der Ballettmusik prägte sie die Entwicklung der französischen Oper entscheidend mit. Auch für die Berliner Operngeschichte besitzt das Werk besondere Bedeutung: Spontini war von 1820 bis 1841 Generalmusikdirektor der Königlichen Oper Berlin.
Die Berliner Neuinszenierung von Lydia Steier richtet den Blick auf die Machtstrukturen hinter dem religiösen Ritual. Ihre Julia bewegt sich in einem autokratischen System, in dem die Kontrolle über die Vestalinnen Teil einer umfassenden gesellschaftlichen Ordnung ist. Die Inszenierung thematisiert dabei auch Gewalt und Nacktheit. Bühne und Kostüme gestalten Etienne Pluss und Katharina Schlipf.
Am Pult der Staatskapelle Berlin steht bei den Herbstvorstellungen Carlo Rizzi. Die Produktion verbindet damit einen selten gespielten Klassiker des französischen Musiktheaters mit einer heutigen Perspektive auf Macht, Kontrolle und individuelle Freiheit.
Im Zentrum bleibt Julia: eine Frau, die zwischen ihrem Gelübde und ihrer Liebe gefangen ist – und deren persönlicher Konflikt die Ordnung einer ganzen Gesellschaft herausfordert.

