27. September 2026
Von Aida zu Blaubart: Anna Netrebko zwischen Verdi und Bartók
Anna Netrebko steht im Herbst 2026 in drei sehr unterschiedlichen musikalischen Welten auf der Bühne: als Aida am Gran Teatre del Liceu, als Solistin in Verdis „Requiem“ an der Mailänder Scala und erstmals als Judith in Bartóks „Blaubarts Burg“ am Teatro Real Madrid.

Mainz/Europa - Drei Städte, drei Werke, drei sehr unterschiedliche Frauenfiguren: Der Herbst führt Anna Netrebko von Verdis Aida in Barcelona über das Requiem an der Mailänder Scala bis zu Judith in Béla Bartóks Blaubarts Burg in Madrid. Die Abfolge verbindet sehr unterschiedliche musikalische und dramatische Anforderungen.
Am Gran Teatre del Liceu eröffnet zunächst Aida die Spielzeit 2026/27. Shirin Neshats Produktion, ursprünglich für die Salzburger Festspiele entstanden, verbindet Verdis Oper mit Themen wie Krieg, Identität, Exil und politischer Macht. Die insgesamt 17 Vorstellungen laufen vom 23. September bis 15. Oktober; Netrebko gehört dabei neben Anna Pirozzi zur Besetzung der Aida, Yusif Eyvazov und Piotr Beczała übernehmen Radamès.
Verdis Musik stellt Aida zwischen persönliche Liebe und politische Fronten. Die Partie verlangt vom Sopran lyrische Zurücknahme ebenso wie dramatische Durchschlagskraft. Besonders im dritten Akt verdichtet sich der Konflikt zwischen Aida, Radamès und den politischen Mächten zu einer privaten Tragödie.
Ende Oktober wechselt Netrebko nach Mailand. Am 28. und 30. Oktober singt sie Verdis Messa da Requiem an der Scala. Riccardo Chailly dirigiert Orchester und Chor des Teatro alla Scala; neben Netrebko sind Ekaterina Gubanova, Fabio Sartori und Michele Pertusi als Solisten beteiligt.
Hier entfällt die konkrete Bühnenfigur. Die Sopranstimme bewegt sich zwischen solistischen Ausbrüchen und dem Chorklang und muss ihre Wirkung innerhalb einer von Verdi stark kontrastierten musikalischen Architektur entfalten. Auf das persönliche Drama der Aida folgt damit ein Werk, in dem Chor, Solisten und Orchester gemeinsam die dramatischen Räume schaffen.
Ende November führt der Weg nach Madrid. Am 28. November übernimmt Netrebko im Teatro Real erstmals die Judith in Bartóks Blaubarts Burg. Alexander Köpeczi singt Blaubart, Henrik Nánási dirigiert das Hungarian Radio Symphony Orchestra. Die konzertante Aufführung wird durch Franz Liszts Ungarische Rhapsodie Nr. 2 und sein Erstes Klavierkonzert mit dem Pianisten Misi Boros ergänzt.
Judith folgt Blaubart aus Liebe und Neugier in seine Burg und öffnet dort sieben verschlossene Türen. Mit jeder Enthüllung wird ein weiterer Teil seiner Vergangenheit sichtbar, bis sich hinter der letzten Tür auch Judiths eigenes Schicksal offenbart. Bartóks Partitur begleitet diesen Weg mit ständig wechselnden Orchesterfarben und Spannungszuständen.
Für Netrebko ist Judith zugleich ein neues Rollenfeld. Das Teatro Real bezeichnet die Vorstellung ausdrücklich als ihr Rollendebüt; die konzertante Produktion kehrt nach ihrer Premiere im November 2025 nun mit derselben Konstellation zurück.
So führt Netrebkos Herbst von Verdis politischem Liebesdrama über dessen geistliches Großwerk bis zu Bartóks expressionistischem Seelendrama. Aida, die Sopranpartie des Requiems und Judith verlangen jeweils eine andere Form vokaler und dramatischer Präsenz – und markieren damit drei sehr unterschiedliche Stationen innerhalb einer Saison.

