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6. Oktober 2026

Verdis „Otello“ in Wien: Jonas Kaufmann als Mann zwischen Macht und Eifersucht

Jonas Kaufmann übernimmt an der Wiener Staatsoper erneut die Titelrolle in Verdis „Otello“. An seiner Seite stehen Luca Salsi als Jago und Nicole Car als Desdemona. Bertrand de Billy dirigiert Adrian Nobles Inszenierung, die Ende Oktober in eine neue Serie von Vorstellungen geht.

Von der Redaktion Opernreiseführer

Jonas Kaufmann
Jonas Kaufmann | © Gregor Hohenberg

Mainz/Wien - Wenn Jonas Kaufmann Ende Oktober als Otello an die Wiener Staatsoper zurückkehrt, steht eine Figur im Zentrum, deren Autorität sich innerhalb weniger Stunden in Misstrauen und Gewalt verwandelt. Verdis Shakespeare-Adaption erzählt den Fall des venezianischen Feldherrn nicht als heroische Erfolgsgeschichte, sondern als musikalisch immer enger werdenden Prozess der Verunsicherung. Kaufmann übernimmt die Titelpartie in einer Serie ab dem 26. Oktober; weitere Vorstellungen folgen am 29. Oktober sowie am 2., 5. und 8. November 2026.

Verdis Otello beginnt bereits unter Spannung: Der Feldherr kehrt nach dem Sieg über die Türken nach Zypern zurück, während ein Sturm seine Ankunft begleitet. Kaum ist die äußere Gefahr gebannt, beginnt Jago, Otellos Vertrauen zu untergraben. Aus wenigen Andeutungen entsteht der Verdacht, Desdemona könne ihn mit Cassio betrügen. Verdi verdichtet diesen Absturz musikalisch immer stärker auf Otellos Stimme und die nervöse Bewegung des Orchesters.

Gerade darin liegt die Herausforderung der Titelrolle. Otello ist kein klassischer Verdi-Held, der seine großen Momente in geschlossenen Arien ausstellt. Seine Musik entsteht aus dem unmittelbaren dramatischen Vorgang: aus Ausrufen, kurzen Dialogen, eruptiven Steigerungen und den großen Szenen mit Desdemona und Jago. Der Sänger muss deshalb zugleich Kraft und Autorität zeigen und eine zunehmend zerfallende innere Sicherheit hörbar machen.

Kaufmann trifft dabei auf Luca Salsi als Jago und Nicole Car als Desdemona. Zwischen den drei Figuren entwickelt Verdi ein musikalisches Dreieck, in dem Vertrauen, Manipulation und Liebe ständig ihre Richtung verändern. Besonders Jago erhält mit seinem Credo eine Schlüsselszene: Seine nihilistische Weltsicht steht dort unmittelbar gegen die moralische und religiöse Ordnung der anderen Figuren.

Am Pult steht Bertrand de Billy. Die musikalische Leitung muss dabei die monumentale Klangsprache des späten Verdi mit den kammermusikalisch wirkenden Momenten verbinden, in denen ein einzelner Zweifel oder eine kurze vokale Linie die Handlung verändert. Gerade diese schnellen Wechsel verleihen Otello seine außergewöhnliche dramatische Dichte.

Adrian Nobles Inszenierung gehört zum Repertoire der Wiener Staatsoper; Dick Bird gestaltet Bühne und Ausstattung. Im Zentrum bleibt damit eine Welt, in der militärische Ordnung und private Beziehung zunehmend auseinanderbrechen. Otellos öffentliche Autorität verliert ihre Grundlage, sobald Jago seine Wahrnehmung manipuliert.

Für Kaufmann ist Otello eine Partie, in der sich sein heutiges Rollenfach unmittelbar mit Verdis spätem Stil verbindet. Der Feldherr besitzt zu Beginn noch die Autorität des Siegers; am Ende ist davon kaum mehr als die Stimme eines Mannes geblieben, der seiner eigenen Wahrnehmung nicht mehr traut. In Wien steht deshalb weniger der triumphierende Otello im Mittelpunkt als sein musikalisch hörbarer Absturz.