29. September 2026
La clemenza di Tito in Wien: Mozarts Milde gerät in Bewegung
Jan Lauwers’ Inszenierung von Mozarts La clemenza di Tito an der Wiener Staatsoper setzt auf Tanz, Körper und offene Bilder – und stellt damit die Frage, wie viel Bewegung ein Werk verträgt, dessen eigentliche Spannung aus inneren Konflikten und musikalischer Konzentration entsteht.

Mainz/Wien - Mozarts La clemenza di Tito beginnt in Wien nicht als höfisches Standbild. Jan Lauwers setzt den Körper in Bewegung: Tänzerinnen und Tänzer bevölkern die Bühne, verschieben Perspektiven und machen aus dem Konflikt um Macht, Liebe, Verrat und Vergebung zunächst ein körperliches Geschehen. Statt eines historischen Rom entsteht ein zeitloser Raum, in dem sich Herrschaft vor allem über Beziehungen zwischen Menschen zeigt.
Das ist ein ungewöhnlicher Zugriff auf ein Werk, das leicht als höfisches Lehrstück missverstanden werden kann. Mozart komponierte La clemenza di Tito 1791 für die Krönung Leopolds II. zum böhmischen König. Im Zentrum steht ein Herrscher, der sich gegen Vergeltung entscheidet: Sesto handelt auf Vitellias Betreiben gegen Tito, Vitellia selbst steht hinter der Verschwörung – und dennoch antwortet der Kaiser mit Milde. Mozart macht daraus jedoch keine politische Lehrstunde, sondern ein psychologisch dichtes Drama.
Die Musik legt die Konflikte bereits mit großer Präzision offen. Sestos Arien zeigen seine Zerrissenheit zwischen Freundschaft, Liebe und Schuld, Vitellias Musik bewegt sich zwischen Ehrgeiz, Angst und Reue, während Tito seine Macht zunehmend als moralische Verantwortung erfährt. Gerade deshalb entsteht eine Spannung zur körperlich aufgeladenen Regie. Wo die Choreografie innere Bewegungen sichtbar macht, gewinnt Lauwers’ Konzept an Intensität; wo die zusätzliche Aktion das musikalische Geschehen überlagert, teilt sich die Aufmerksamkeit. Auch die internationale Kritik reagierte entsprechend ambivalent: Bachtrack lobte die Tänzer, sah jedoch eine Überfülle an Bühnengeschehen.
Besonders deutlich wird diese Reibung bei Sesto, der aktuellen Besetzung mit Kate Lindsey und in der Premiere mit Emily D’Angelo. Die Figur ist die emotionale Mitte der Oper: ein Mensch, der zwischen Freundschaft, Liebe, Manipulation und Schuld zerbricht. Gerade hier braucht Mozart wenig zusätzliche Erklärung, weil die Musik den inneren Konflikt bereits trägt.
Cornelius Meister leitet die September-Vorstellungen. Katleho Mokhoabane singt Tito, Hanna-Elisabeth Müller Vitellia. Mokhoabane steht dabei vor der Aufgabe, einen Herrscher zu gestalten, dessen Autorität weniger aus äußerer Repräsentation als aus seiner Fähigkeit zur Selbstbeherrschung entsteht. Müller wiederum führt als Vitellia die zerstörerische Seite des Machtstrebens vor Augen. Ihre Partie verlangt abrupte Wechsel zwischen Entschlossenheit, Angst und Schuld und gehört zu den anspruchsvollsten Rollen des Werks.
So entsteht eine Produktion der Reibung: Lauwers interessiert sich für Körper, Gruppendynamik und die Kräfte unterhalb der höfischen Oberfläche, während Mozart seine stärksten Momente oft aus musikalischer Konzentration gewinnt. Beides trifft in Wien unmittelbar aufeinander.
Die eigentliche Modernität von La clemenza di Tito liegt dabei weniger im zeitlosen Bühnenraum als in Mozarts Behandlung der Milde. Tito besitzt die Macht zur Vergeltung und entscheidet sich dagegen. Aus dieser Entscheidung wird keine abstrakte Tugend, sondern ein komplizierter menschlicher Vorgang – und genau dort findet die Wiener Produktion ihren interessantesten Ansatzpunkt.

