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23. September 2026

Händels „Semele“: Eine antike Liebesgeschichte wird in München zur Hollywoodwelt

Georg Friedrich Händels Semele kehrt an die Bayerische Staatsoper zurück – als Neuproduktion von Claus Guth. Louise Alder singt die Titelrolle, Michael Spyres Jupiter und Jakub Józef Orliński Athamas. Leonardo García Alarcón dirigiert das Bayerische Staatsorchester.

Von der Redaktion Opernreiseführer

"Semele" kehrt zurück an die Bayerische Staatsoper
"Semele" kehrt zurück an die Bayerische Staatsoper | © Monika Rittershaus

Mainz/München - Eine Hochzeit wird zur Filmkulisse, eine junge Frau zur Statistin ihres eigenen Lebens und der antike Götterhimmel zu einer Welt aus Inszenierung, Begehren und öffentlicher Selbstdarstellung: Georg Friedrich Händels Semele kehrt ab dem 25. September 2026 an die Bayerische Staatsoper zurück. Claus Guths 2023 im Prinzregententheater entstandene Produktion wechselt nun auf die große Bühne des Nationaltheaters. Leonardo García Alarcón dirigiert das Bayerische Staatsorchester und den Bayerischen Staatsopernchor. Die Produktion entstand in Koproduktion mit der Metropolitan Opera New York.

Händel komponierte Semele 1743 nach einem Libretto von William Congreve. Das Werk entstand als „Opera after the manner of an oratorio“ und steht damit zwischen Oper und Oratorium. Anders als bei einem biblischen Oratorium geht es um eine antike Liebesgeschichte: Semele soll Athamas heiraten, liebt jedoch Jupiter. Der Göttervater verspricht ihr einen Wunsch, und Semele verlangt, ihn in seiner göttlichen Gestalt sehen zu dürfen. Dieser Wunsch wird für sie tödlich.

In Guths Inszenierung wird aus dieser Geschichte eine Welt der Bilder und Selbstinszenierung. Semele erlebt ihre eigene Lebenswirklichkeit als fremd und wird zunächst als Statistin in einer von gesellschaftlichen Erwartungen bestimmten Hochzeitswelt gezeigt. Die „Heiratsindustrie“ verwandelt ihre Hochzeit in eine pompöse Hollywoodszene; Semele beginnt, sich selbst von außen zu betrachten und eine parallele Wirklichkeit zu erschaffen, in der ihre Wünsche erfüllt werden. Gerade diese Verschiebung zwischen Realität und imaginiertem Leben bildet den Kern der Münchner Deutung.

Im Zentrum steht Louise Alder als Semele. Für die Sopranistin ist die Partie in München ein Rollendebüt. Michael Spyres übernimmt erneut Jupiter, Jakub Józef Orliński kehrt als Athamas zurück. Orliński sang die Partie bereits in der Produktion von 2023; auch Spyres war damals als Jupiter zu erleben. Marina Viotti singt Juno, Avery Amereau Ino. Ergänzt wird die Besetzung unter anderem durch Michael Butler als Apollo, Sarah Dufresne als Iris und Sam Carl als Cadmus und Somnus.

Gerade Semeles musikalische Entwicklung macht die Partie zu einer besonderen Herausforderung. Zu Beginn steht eine Frau, die sich nach einem anderen Leben sehnt und Jupiter als Ausweg aus ihrer vorgegebenen Existenz begreift. Im Verlauf der Handlung verwandelt sich dieser Wunsch nach Liebe jedoch in ein Verlangen nach vollkommener Erkenntnis und göttlicher Größe. Händels Arien geben diesen Veränderungen Raum: Semele kann innerhalb weniger musikalischer Augenblicke selbstbewusst, verführerisch, zweifelnd und schließlich verzweifelt erscheinen.

Auch Jupiter bleibt dabei keine eindimensionale Götterfigur. Seine Macht steht im Widerspruch zu seiner Unfähigkeit, Semeles Wunsch nach vollkommener Erkenntnis zu erfüllen. Juno wiederum versucht, ihren untreuen Ehemann und dessen Geliebte unter Kontrolle zu bringen. Aus dem antiken Stoff entsteht so ein Dreieck, in dem Begehren, Macht und Selbstbild untrennbar miteinander verbunden sind.

Am Pult steht Leonardo García Alarcón, der in der Spielzeit 2026/27 an der Bayerischen Staatsoper debütiert. Der Dirigent ist für seine Arbeit im Bereich der historischen Aufführungspraxis bekannt. In München trifft diese musikalische Perspektive auf Guths bewusst gegenwärtige Bildsprache. Die barocke Form und die Hollywoodwelt der Inszenierung liegen dabei weniger als Gegensätze auseinander, sondern machen beide sichtbar, wie stark Semele von der Frage geprägt ist, wer über das eigene Bild und das eigene Leben bestimmen kann.

Die Aufführungsserie im Nationaltheater beginnt am 25. September und umfasst weitere Vorstellungen am 28. September sowie am 2., 4. und 7. Oktober 2026. Gesungen wird auf Englisch mit deutschen und englischen Übertiteln; die Aufführung dauert rund drei Stunden und 50 Minuten inklusive zweier Pausen.

Händels Semele erzählt damit von einer Frau, die aus der ihr zugedachten Rolle ausbrechen will und dabei immer weiter in eine selbst erschaffene Wirklichkeit gerät. In München wird aus der antiken Göttergeschichte ein Drama über Begehren, Bilder und den Preis einer Sehnsucht, die sich nicht mehr mit der Realität vereinbaren lässt.