1. September 2026
Händels „Floridante“: Bayreuth Baroque holt eine selten gespielte Oper zurück auf die Bühne
Mit Georg Friedrich Händels Floridante eröffnet das Bayreuth Baroque Opera Festival 2026 seine szenische Opernproduktion. Max Emanuel Cencic inszeniert und singt die Titelpartie, Markellos Chryssicos übernimmt die musikalische Leitung. Im historischen Markgräflichen Opernhaus trifft Händels kunstvoll zugespitztes Geflecht aus Liebe, Eifersucht, Macht und Verrat auf ein international besetztes Ensemble und das Wrocław Baroque Orchestra.

Mainz/Bayreuth - Bayreuth setzt im September 2026 auf einen Händel, der deutlich seltener auf den Spielplänen steht als Giulio Cesare oder Rodelinda: Floridante. Die 1721 in London uraufgeführte Oper erzählt von einer Liebe, die durch politische Interessen, Machtansprüche, falsche Annahmen und familiäre Verwicklungen ins Wanken gerät. Im Zentrum stehen der thrakische Feldherr und Prinz Floridante und Elmira, die als Ziehtochter des persischen Herrschers Oronte aufgewachsen ist. Nach Floridantes siegreicher Rückkehr aus dem Krieg gegen Tyros scheint ihrer Verbindung zunächst nichts mehr im Wege zu stehen. Doch Oronte hat seine Meinung geändert und begehrt Elmira nun selbst zur Frau.
Gerade diese Verbindung von politischer Macht und privaten Leidenschaften macht den Stoff für die Bühne unmittelbar. Händels Figuren handeln nicht aus abstrakten Prinzipien, sondern aus Liebe, Begehren, Eifersucht, Misstrauen und dem Wunsch nach Macht. Die musikalische Dramaturgie des Dramma per musica lässt diese wechselnden Zustände in Arien, Duetten und Ensembles immer wieder hervortreten. Dass das Werk heute zu Händels eher selten gespielten Opern zählt, gehört damit selbst zur Besonderheit der Bayreuther Produktion: Das Festival stellt ein Werk ins Zentrum, das lange im Schatten bekannterer Händel-Opern stand.
Für die szenische Umsetzung verbindet Bayreuth Baroque zwei Perspektiven: Max Emanuel Cencic führt Regie und übernimmt zugleich die Titelrolle des Floridante. Ihm gegenüber steht Sonja Runje als Elmira. Bruno de Sá singt Timante, Eva Zalenga übernimmt Rossane, Gerrit Illenberger verkörpert Oronte und Yannis François Coralbo. Damit versammelt die Produktion ein Ensemble, das auf unterschiedliche Weise mit dem barocken Repertoire vertraut ist.
Am Pult steht Markellos Chryssicos, der zugleich das Cembalo spielt. Für den historischen Klang sorgt das Wrocław Baroque Orchestra, das 2026 als Residenzorchester des Bayreuth Baroque Opera Festival auftritt. Die Besetzung verbindet damit historisch informierte Aufführungspraxis mit einer eigens für Bayreuth entwickelten szenischen Interpretation.
Auch die Gestaltung der Bühne trägt eine besondere Geschichte in diese Produktion hinein. Das Bühnenbild stammt von Helmut Stürmer, die Kostüme von Corina Gramosteanu, die Bühnenfertigstellung ebenfalls von Gramosteanu; das Licht gestaltet Christoph Pöschko. Stürmer, der 2025 verstorben ist, hatte bereits für Bayreuth Baroque die Bühnenbilder zu Händels Flavio und Cavallis Pompeo Magno geschaffen. Seine Arbeit an Floridante wird nun posthum realisiert.
Der Aufführungsort verstärkt den Bezug zum historischen Musiktheater, allerdings nicht im Sinne eines unmittelbar zeitgleichen Schauplatzes. Das Markgräfliche Opernhaus wurde erst zwischen 1745 und 1750 errichtet und 1748 eröffnet – also mehr als zwei Jahrzehnte nach der Londoner Uraufführung von Floridante. Das von Giuseppe Galli Bibiena entworfene Innere gilt als Meisterwerk der Barocktheaterarchitektur; die UNESCO zählt das Opernhaus zu den herausragenden erhaltenen Beispielen eines barocken Hoftheaters.
Damit treffen in Bayreuth eine Händel-Partitur von 1721 und ein gut erhaltenes Barocktheater des späteren 18. Jahrhunderts aufeinander. Der historische Abstand macht die Verbindung nicht weniger interessant: Das Markgräfliche Opernhaus wurde ausdrücklich für die Kultur der barocken Hofoper konzipiert und vermittelt bis heute die räumlichen und akustischen Bedingungen dieser Theatertradition.
Floridante wird beim Bayreuth Baroque Opera Festival am 4., 6., 8., 10., 12. und 13. September 2026 jeweils um 18 Uhr im Markgräflichen Opernhaus aufgeführt. Gesungen wird in italienischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln. Die Produktion ist eine Koproduktion des Bayreuth Baroque Opera Festival mit dem Badischen Staatstheater Karlsruhe beziehungsweise den Internationalen Händel-Festspielen Karlsruhe.
So rückt Bayreuth 2026 nicht den bereits vielfach präsenten Händel bekannter Publikumstitel in den Mittelpunkt, sondern eine seiner weniger gespielten Opern. Floridante zeigt Händel dabei als Komponisten eines Musiktheaters, in dem politische Macht und private Gefühle unmittelbar ineinandergreifen: Eine gewonnene Schlacht bedeutet noch lange keinen Frieden, und eine Liebeserklärung kann jederzeit in einen Machtkampf umschlagen.

